10 Jahre Flohmarkt : 1,5 Millionen Besucher - vom Gemüsemarkt zu „Speakers Corner“
Der folgende Text wurde anlässlich des 10. Vohwinkeler Flohmarktes 1980 für die Flohmarktzeitung von Gert Kraatz geschrieben.
Ursprünglich als Bereicherung der Wuppertaler Woche gedacht und 1971 ins Leben gerufen, brachte der 1. Vohwinkeler Flohmarkt immerhin 30.000 Besucher auf die Beine.
Der 10. Vohwinkeler Flohmarkt - wie könnte es anders sein - verzehnfachte auch die Besucherzahl auf knapp 300.000. Aus bescheidenen Anfängen, die im Grunde nur für den Westen Wuppertals gedacht waren, entwickelte sich im Laufe der Jahre eine Großveranstaltung, die zwischenzeitlich eine Bedeutung weit über Wuppertals Grenzen hinaus hat und vielleicht zu den größten Veranstaltungen dieser Art in der Bundesrepublik zählt. Das erstaunlichste an dem Vohwinkeler Flohmarkt ist jedoch, daß nicht nur die 1. Veranstaltung 1971 von Mitgliedern der Aktion V*, einer örtlichen Werbegemeinschaft, und Mitgliedern der AGVV (Arbeitsgemeinschaft Vohwinkeler Vereine) sozusagen ehrenamtlich gemanagt wurde, sondern auch heute noch bei dem 10. Flohmarkt mit Großveranstaltungscharakter in der gleichen Form organisiert wurde, wie vor zehn Jahren.
Die folgende Zusammenfassung zeigt in Bild- und Wort-Streiflichtern, wie diese mittlerweile nicht mehr aus Wuppertal wegzudenkende Veranstaltung entstanden ist und was es an Geschichtlichem und auch Kuriosem hierüber zu berichten gibt.
1971: 30.000 Besucher - Flohmarkt anstatt Gemüsemarkt

1. Vohwinkeler Flohmarkt 1971 in der Lienhardstraße
Ausgehend vom Vohwinkeler Markt, der dienstags-, freitags- und samstagsmorgens auch heute noch ein beliebtes Einkaufsziel nicht zuletzt wegen der landfrischen Ware ist, überlegten sich die seinerzeitigen Initiatoren - Mitglieder der Aktion V*, einer örtlichen Werbegemeinschaft von Einzelhandelsunternehmen - für den 25. und 26. September 1971 eine kleine Attraktion im Rahmen der Wuppertaler Woche. Man war der Meinung, daß man neben dem üblichen Markt auch einmal einen „Markt für jedermann“ abhalten sollte, der kurz und bündig „Flohmarkt“ genannt wurde. Schon 1971 gab es den sogenannten Vorflohmarkt, der samstagsnachmittags begann, nachdem der Markttag beendet war. Seinerzeit war eine der Attraktionen eine kleine Kirmes auf dem Lienhardplatz. Daneben gab es für den Vorflohmarkt auch schon den traditionellen Fackelzug für Kinder, den Tanz auf dem Marktplatz und ein Fanfarencorps, das dort aufspielte. Außerdem hatte man sich eine Schwebebahnfahrt im Sonderwagen ausgedacht zu einem Mundartvortrag von Hans Geib unter dem Titel „Hie kallt Ötte“. Das Programm begann am Samstagnachmittag und endete in den frühen Sonntagmorgenstunden, Den sonntäglichen Flohmarkt begann man mit einer Orientierungsfahrt und Sonderprüfung. Anschließend gab es ein Kinder-Kett-car-Rennen auf dem Marktplatz und um 11 Uhr wurde der Flohmarkt feierlich eröffnet. Vohwinkeler Gesangsvereine waren vertreten, eine Beatband trat auf, Essen aus der Gulaschkanone und allerlei andere Attraktionen.
Den sonntäglichen Flohmarkt beschloß man zu später Stunde, nachdem vorher noch eine Tanzveranstaltung stattgefunden hatte Resümierend stellten seinerzeit die Aktion V* und ihr Sprecher Udo Optenhögel fest, daß zwar der erste Flohmarkt viel Geld gekostet habe, aber „ohne Auslagen kein Gewinn. Der Flohmarkt wird in der Wuppertaler Weststadt bleiben“. Und wie man heute weiß, hat er recht behalten.
Immerhin besuchten den ersten Vohwinkeler Flohmarkt, der sich „nur“ auf einer Strecke von 0,5 km abspielte, 30.000 Menschen.
1972: 70.000 Besucher - Rededuelle in „Speakers Corner“
Einen Tag nach dem erfolgreichen Flohmarkt des Jahres 1972, der am 7. und 8. Oktober 72 stattfand; schrieb die örtliche Presse: „Verkehr in Vohwinkel vor dem Zusammenbruch - so viel Trödel wie noch nie - Vohwinkel Perle im Westen.“ Bereits 1971 hatte sich herausgestellt, daß die „kleine Lösung“ eines Flohmarktes nicht ausreichend war und man sehr wohl einen Teil der Kaiserstraße zur Bewältigung des Publikumsverkehrs brauchte. Obwohl die Aktion V* sich rechtzeitig bereits im April 72 um eine Erweiterung mit Einbeziehung der Kaiserstraße bemühte und man entsprechende Einbahnstraßenregelungen rund um das Flohmarktgebiet zumindest an diesem Tage durchführen wollte, fand man kein Gehör bei Bezirksvertretung und Stadtverwaltung.
Auch die 72er Veranstaltung fand unter der „Schirmherrschaft“ „Wuppertaler Woche“ statt und konnte dank der Organisation der Aktion V* und maßgeblicher Mitwirkung der Arbeitsgemeinschaft Vohwinkeler Vereine ein außerordentlich umfassendes Programm vorweisen; angefangen von dem Vorflohmarkttreiben auf dem Lienhardplatz und der Lienhardstraße über den Kinderfackelzug bis hin zu dem sonntäglichen Trödelmarkt mit Empfang der Ehrengäste. Schon 1972 waren Imbisse, Weinbrunnen, Bierstände, Gulaschkanone, Spielmannszüge, Gesanggruppen und, man höre und staune, eine Hundezuchtschau im Bundesbahnhof Vohwinkel einschl. einer Modelleisenbahnecke besondere Attraktionen.
Die Erfahrungen des 72er Flohmarktes führten dazu, daß man für das nächste Jahr mit außerordentlichem Nachdruck eine Erweiterung der Flohmarktfläche betrieb. Es ging dabei nicht nur um den immer größer werdenden Andrang von Verkäufern, Amateuren und Besuchern, sondern vor allem darum, die Verkehrssituation in den Griff zu bekommen. In einem der Nachberichte heißt es, daß sich die Polizei lobend darüber äußerte, daß während des Flohmarkttreibens die Worte „Pannasch“ und „Bulle“ nicht fielen und daß dies die erste Veranstaltung seit Jahren gewesen sei, die ohne diese Schimpfworte verlaufen ist.
Sehr viel Anerkennung und großes Gelächter erntete die „Flohrede“ des seinerzeitigen Bundestagskandidaten für Wuppertal-West, Adolf Scheu. Auch sein Gegenspieler Jürgen Lichtenberg hatte den Flohmarkt zum Anlaß der „Wahlrede“ genommen. Beide Kandidaten „bekämpften“ sich in einer äußerst fairen Form, indem jeder von dem anderen behauptete, er habe dem Flohmarkt-Publikum einen Floh ins Ohr gesetzt. Schon damals kommentierte Michael Hartmann, daß die Bürger einen erfolgreichen Weg gefunden hätten, um zu zeigen, daß sie ihrer Stadt etwas zu bieten hätten. „Durch Veranstaltungen wie den Flohmarkt wird doch bei den Elberfeldern und Barmern ein ganz anderes Verhältnis zu Vohwinkel geweckt als durch ständige Beschwerden früherer Jahre.“ Sicher ist nach wie vor der Vohwinkeler Flohmarkt eine „westliche“ Einrichtung, mittlerweile jedoch ein Wuppertaler Ereignis.
Übrigens wurde beim 2. Flohmarkt eine sehr gute Idee geboren und leider gleich wieder begraben. Es handelt sich um die Einrichtung von „speakers corner“, einer sogenannten Rednerecke mit Podium, wo jeder, der sich für einen Redner hielt und eine „Botschaft“ hatte, dem Flohmarkt-Publikum diese hätte mitteilen können. Aus welchem Grund auch immer - der Flohmarkt-Dialog von Scheu und Lichtenberg wäre hierfür ein guter Auftakt gewesen - geriet diese gute Idee in Vergessenheit.
1973: 100.000 Besucher - Regen, Kartoffelpuffer und weiche Torte

Bürgermeister Kurt Drees wird für einen guten Zweck ausgewogen
Obwohl, wie Zeitungsberichten zu entnehmen ist, am 6. und 7. Oktober 1973 der Wettergott den Flohmarkt-Leuten nicht so hold war, ließen sich die Amateur- und Profiverkäufer nicht die Show vermiesen.
Wie es in einem Bericht für das Schaustellergewerbe wörtlich heißt: „Es nieselte - der Regen beeinträchtigte das Geschäft jedoch in keiner Weise und blieb auch auf den Besuch ohne Einfluß. Unverdrossen boten ganz Eifrige selbstgebackene Pflaumenkuchen und Kartoffelpuffer, sogar Tortenstücke, die sich langsam deformierten, mit einer bewundernswerten Kunst der Beredsamkeit an, und es war nur gut, daß die auf den Märkten unvermeidlichen Veterinäre es vorgezogen hatten, zu Hause zu bleiben“. Soweit der Situationsbericht von Hans Kirchhoff, einem in Vohwinkel ansässigen Journalisten.
Aber dies war nicht das Besondere des 73er Flohmarktes, sondern die Tatsache, daß zum ersten Mal neben dem Marktplatz und der Lienhardstraße - auf dem Marktplatz tummelten sich die Schausteller - auch das Stück Kaiserstraße zwischen Kaiserplatz und Brucher Straße als Ausstellungsfläche hinzu kam. Aussteller konnten allerdings nur auf dem Stück zwischen Kaiserplatz und Lienhardstraße ihre Stände aufstellen. Immerhin war die Flohmarktstrecke damit zu einem Rundlauf geworden und umfaßte mittlerweile 1 km. Nach wie vor hatte die Aktion V* die Schirmherrschaft über dieses Ereignis übernommen, wobei die organisatorische Arbeit fast ausnahmslos von der Arbeitsgemeinschaft Vohwinkeler Vereine, neben Günter Baus auch schon Adalbert Jasser, dem heutigen Vorsitzenden der AGVV, geleistet wurde. Die 73er „Flohrede“ hielt der Bundestagsabgeordnete Adolf Scheu, weil seine 72er Rede so einen außerordentlichen Anklang gefunden hatte.
Auch die Gästeliste der Flohmarkt-Initiatoren wurde immer größer und reichte von Bezirksvorsteher über Stadtverordnete, Landtagsabgeordnete, Bundestagsmitglieder bis hin zu Bürgermeistern, Ministern und natürlich den Repräsentanten der Wirtschaft und des Sports. Auch diese Veranstaltung verfestigte bei den Initiatoren den Wunsch, den Flohmarkt zu einer festen Einrichtung werden zu lassen.
1974: 110.000 Besucher - Kinderflohmarkt und Postalisches
Obwohl sich die Strecke des am 28. und 29. September 1974 stattfindenden 4. Vohwinkeler Flohmarktes kaum erweitert hatte, wurde der organisatorische und verwaltungstechnische Aufwand immer größer. Die Vohwinkeler Bezirksvertretung beschäftigte sich in einem ausführlichen Protokoll mit dem Flohmarkt, die Verwaltung gab in unbestechlichem Amtsdeutsch „Sondernutzungserlaubnis für Straßen“, legte fest, in welcher Form die Stände aufgebaut werden dürfen, wie man wo was absperren müsse und vor allem, daß für die Durchführung des Flohmarktes eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen werden muß. Mit anderen Worten: Zum ersten Mal kamen auf die Organisatoren in nicht unerheblichem Umfang Kosten zu. Neben den bereits geschilderten Auflagen wurden z.B. die Installation eines Toilettenwagens, die abendliche Reinigung der Flohmarktstrecke und dergleichen mehr notwendige Dinge gefordert, die bei einer Veranstaltung dieses Ausmaßes einfach unabdingbar waren.
Zum ersten Mal kamen bei diesem Flohmarkt offiziell die Kinder ins Spiel, denen man die Möglichkeit bot, samstags mit einem Kinderflohmarkt das an „ihre Kundschaft“ zu bringen, was zu Hause herumlag, um damit das Taschengeld etwas aufzubessern.
Dieser 4. Flohmarkt war zu einem großen Teil von der Aktion V* mit einem nicht unerheblichen Betrag finanziert worden. Den Rest versuchte man über Spenden: innerhalb der Arbeitsgemeinschaft Vohwinkeler Vereine und natürlich durch großzügige Gaben der Vohwinkeler Industrie hereinzuholen. Für alle Beteiligten war der Flohmarktstand kostenlos und im Prinzip gab es auch keine Beschränkungen bezüglich der Größe. Die Einladungslisten für die Eröffnungsfeierlichkeiten wurden immer umfassender. Über Bundestagsabgeordnete, Stadträte bis hin zu Repräsentanten aus der Industrie versammelte sich was Rang, Namen und „Flöhe“ hatte. Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher war Schirmherr und wünschte „allen Mitwirkenden und Besuchern viel Freude am Vohwinkeler Flohmarkt“. Genscher sah diese Veranstaltung als besonderen Beweis dafür, daß im Ortsteil Vohwinkel ein „wacher und aktiver Bürgersinn“ anzutreffen sei.
Auch für Philatelisten - die Briefmarkenfreunde - hatte der Flohmarkt mit einem Sonderpostamt in der Nähe des Kaiserplatzes eine Attraktion zu bieten. Eine Postkarte der Aktion V*, versehen mit dem Sonderstempel „Wuppertaler Woche - Vohwinkel lädt ein“ und dem Bild des Fuchses im Winkel fand großen Zuspruch.
1975: 120.000 Besucher - Trödelhaie, Profis und die Krise
Wie das mit vielen etablierten Veranstaltungen ist: wenn sie einmal über eine gewisse Zeit laufen, erwartet der Zuschauer und Besucher eine absolut perfekte Organisation, vergißt aber dabei, daß der Flohmarkt seinerzeit und auch heute noch nicht von Profis, die sich hauptberuflich damit beschäftigen, sondern von „Amateuren“ organisiert wird, die diese Arbeit in ihrer Freizeit machen und manchmal sogar nächtelang durcharbeiten müssen, ohne dies in irgend einer Form honoriert zu bekommen.
Langer Rede kurzer Sinn: Der Flohmarkt geriet in eine Krise, die sich in Presseberichten und Kommentaren widerspiegelte. So schrieb beispielsweise Heinz Schmieder in einem Kommentar über eine „ärgerliche Angelegenheit“, meinte aber nicht speziell den gesamten Flohmarkt, sondern die sogenannten „Trödelmarkthaie“ und vor allem die Profis.
Was Schmieder allerdings 1975 noch nicht wissen konnte: Auf den Bundesbürger rollte die Nostalgiewelle zu, und aus diesem Grunde war es nicht verwunderlich, daß sich bestimmte Leute auf eine besondere „Marktlücke“ spezialisierten und darin nicht nur ein Geschäft sahen, sondern auch heute noch ein Geschäft damit machen.
Wenn 1975 der Kommentator über ein „stundenlang heilloses Durcheinander von Verkaufsständen, durch die sich ebenso stundenlang tausende von Besuchern drängten“ sprach, dann wurde damit im Grunde kein wunder Punkt angesprochen, der heute längst Realität ist.
Erinnern wir uns: es war doch so, daß jeder, der kam, sich eines Standplatzes bemächtigte und diejenigen, die nicht früh genug aufgestanden waren, mußten sich halt dazwischenquetschen. Auch von der Ausdehnung her waren es nach wie vor 1,5 km, aber immerhin drängten sich bereits mehr als 120.000 Besucher auf Kaiserstraße, Lienhardstraße und über den Marktplatz.
Auch Udo Optenhögel legte in einem Leserbrief den Finger auf die Wunde des leidigen Platzmangel und deutete damals - 1975 - schon an, daß ja der Stadtteil Vohwinkel mehr zu bieten hätte als nur dieses kurze Stück Kaiserstraße.
Rückblickend war die Diskussion um Gedränge und Platzbedarf ausschlaggebend für die Erweiterung des Flohmarktes und seine heutige Größe.
Zurückkommend auf den 75er Flohmarkt sind als besondere Ereignisse hervorzuheben ein Kindermalwettbewerb mit dem einfachen Motto „Flohmarkt“. Der zwischenzeitlich verstorbene Professor Oberhoff, leitete die Jury und brachte zum Ausdruck, daß kaum ein „Großer“ so kreativ sein könne wie es die Kinder waren. Über 350 Einsendungen müßten begutachtet werden. Interessant in diesem Zusammenhang; daß nicht nur Vohwinkeler Kinder Bilder eingereicht hatten, sondern sich die Adressen der Einsender auf ganz Wuppertal erstreckten. Deshalb auch nicht verwunderlich, daß ein Barmer - Axel Reich - heute 17 Jahre alt, den 1. Preis (einen Warengutschein in Höhe von 100,- DM) bekam. Den 2. Preis (einen Gutschein von 50,- DM) gewann Nicole Schepers aus Vohwinkel. Der 3. und 4. Preis mit je 25,- DM gingen an Stefan Dees aus Vohwinkel und Martina Bielei aus Elberfeld.
Eine weitere Attraktion neben den vielen Amateuren war außerdem wieder das Sonderpostamt mit dem Sonderstempel der Wuppertaler Woche und dem Fuchs im Winkel. So hatte also trotz aller Kritik und vielleicht auch notwendigen Umbruchstimmung auch der 5. Flohmarkt, der das halbe Jahrzehnt abschloß, viel Positives und vor allem Versöhnliches.
1976: 150.000 Besucher - eine gute, eine schlechte Nachricht und eine straffe Organisation
„Dieser Flohmarkt war der schönste!“ schrieb am 29. September, drei Tage nach dem am 25. und 27. September abgelaufenen 6. Vohwinkeler Flohmarkt Michael Kroemer im V-Express. Es ist eine alte Weisheit, daß der letzte Flohmarkt immer der schönste war, auch wenn man rückblickend sagen muß, daß bestimmt der erste, natürlichste auf kleinstem Raum abgehaltene Flohmarkt 1971 in der Erinnerung der Initiatoren der schönste gewesen ist. Der größte und prächtigste war bestimmt der 10. Flohmarkt! Aber bleiben wir beim 6. des Jahres 1976. Mit zwei wesentlichen Neuerungen für das Flohmarktgeschehen wurde dieser angekündigt. Sozusagen die gute Nachricht war die, daß die Aktion V* und die Arbeitsgemeinschaft Vohwinkeler Vereine den Amateuren und Halbprofis die gesamte Kaiserstraße bis einschließlich Stackenbergstraße und natürlich die alte Flohmarktstrecke des Marktplatzes und Marktes zur Verfügung stellen konnten. Insgesamt gab es damit 2 km Flohmarkt, der auch, wie man weiß, voll und ganz genutzt wurde.

Standreservierung zum Vohwinkeler Flohmarkt im Bahnhof
Die zweite Neuerung wurde von vielen nur mit gemischten Gefühlen aufgenommen, war aber äußerst notwendig. Erstmalig mußte sich jeder anmelden, der einen Stand auf dem Flohmarkt eröffnen wollte. Außerdem, und auch das war neu, mußte angegeben werden, was man „verhökern“ wollte und natürlich durfte auch die vollständige Adresse des Bewerbers nicht fehlen.
Gleichzeitig sahen die Organisatoren vor, genügenden Platz vor allem für Kinder und Amateurstände bis maximal 2 m kostenlos ebenfalls mit einzuplanen. Damit war ein für alle Mal dem bis dahin fast schon zu einem Flohmarktsport gewordenen Spiel „Wer zuerst kommt hat den besten Platz und läßt sich auch nicht mehr verdrängen“ der Garaus gemacht. Alle, die sich anmeldeten und auch eine entsprechende Bestätigung ihrer Anmeldung durch die AGVV vorweisen konnten, bekamen ihren Platz zugewiesen und durfte über diesen Raum verfügen. Außerdem baute die AGVV eine Ordner-Organisation auf, die vor allem in der Nacht von Samstag zu Sonntag dafür sorgte, daß alles ordnungsgemäß verlief und keiner fremde Plätze belegte.
Fast schon ganz alleine bestritt in diesem Jahr die AGVV unter Adalbert Jasser die aufwendigen und zeitraubenden Arbeiten zu dem 6. Vohwinkeler Flohmarkt. Schirmherr war Oberbürgermeister Gottfried Gurland, der es bei der Eröffnungszeremonie im wahrsten Sinne des Wortes wurde:, denn man mußte ihn während seiner Rede auch sichtbar beschirmen.
Mittlerweile auch zur Tradition geworden war der Fackelzug für die Kinder am Vorabend des Flohmarktes.
Aber, und das sollte auch der Flohmarktbesucher wissen, bis 1976 kostete die Aktion V*, die Werbegemeinschaft des Vohwinkeler Einzelhandels, und die Arbeitsgemeinschaft Vohwinkeler Vereine der Flohmarkt eine Menge Geld. Dieses Geld wurde teilweise durch Standgebühren hereingeholt, mußte aber auch zu einem großen Teil durch Spenden und Beihilfen zusammengetragen werden.
Der Flohmarkt ist, und das sollte an dieser Stelle einmal ganz klar gesagt werden, kein Geschäft für die Organisatoren, aber für manch einen Amateur- oder Profihändler bestimmt eine einbringliche Sache und in jedem Fall etwas, das außerordentlich viel Spaß macht.
Das Jahr 1976 zwang aber die Veranstalter auch zu einer Grundsatzentscheidung, die, wie sich zwischenzeitlich herausgestellt hat, von äußerster Tragweite war. Veranlaßte durch den ungewöhnlich großen Publikumsandrang - man hatte mit 100.000 gerechnet und 150.000 kamen - interessierten sich in zunehmendem Maße politische Parteien mit ihren Informationsständen für den Flohmarkt. Deshalb traf man eine eindeutige und bis zum heutigen Tag durchgehaltene Entscheidung, nämlich die, auf jedwede Parteipolitik während des Flohmarktgeschehens - außer natürlich in den Zeitungen - zu verzichten. Wie wichtig diese Entscheidung war, zeigt ein Fall, in dem sich eine - wie sich später herausstellte - linksextreme Gruppe mit einem großen Stand unter Vorspiegelung falscher Tatsachen - man gab vor, alte Kleider verkaufen zu wollen - angemeldet hatte und bei Flohmarktbeginn ganz frech und dreist Propagandamaterial verteilte. Die Ordner der AGVV waren sofort zur Stelle und räumten ohne viel zu fragen diesen Stand ab.
Aber sonst kann man auf dem Vohwinkeler Flohmarkt alles verkaufen, angefangen vom alten Plunder bis hin zum nicht mehr benötigten Abendkleid über Möbel, Kochtöpfe und was es sonst noch alles gibt. Vergessen sollte man nicht die vielen, vielen Kinder, die gerade zum Flohmarkt ihre Spielkisten ausräumen und damit für 10, 20 oder 50 Pfennig - also für kleines Geld - anderen Kindern wiederum eine Freude machen. Oberstes Gebot ist natürlich handeln. Zwar nicht ganz so orientalisch wie das manch ein Urlauber gewohnt ist, aber doch immerhin schon recht professionell.
1977: 170.000 Besucher - Trödel, Plunder und „Shoeshine Boy Gottfried“

Eröffung des Vohwinkeler Flohmarktes durch Oberbürgermeister Gottfried Gurland
Der 7. Flohmarkt am 24. und 25. September 1977 war der Durchbruch zur Großveranstaltung mit einer Wirkung weit über Wuppertals Grenzen hinaus. Die Devise dieses nunmehr 3 km langen Flohmarktes war „Trödel, Plunder und Klobrillen“. Aber auch Grammophone und sogar ein altes Auto wurden lautstark angepriesen. Dieser Flohmarkt, im Rückblick einer der fröhlichsten, wurde von Schirmherr Oberbürgermeister Gottfried Gurland eröffnet, der zur Gaudi vieler als Gegenleistung für eine Spende von 50,- DM an das Tierheim zum Schuhputzlappen griff und dem Stadtverordneten Henry Sommerfeld die Stiefel auf Hochglanz polierte.
Zum ersten Mal wurde Vohwinkels Flohmarkt als die „größte Verkaufstheke Wuppertals“ bezeichnet. Das Wetter war schön und vor allem schwappte die Nostalgiewelle noch nicht so hoch, daß man nicht die Möglichkeit gehabt hätte, das „Schnäppken“ seines Lebens zu machen.
Organisatorisch hatte die Arbeitsgemeinschaft Vohwinkeler Vereine mit straffer Ordnung und fast schon militärisch alles 100-prozentig im Griff. Zu- und Abfahrt rund um den Flohmarkt funktionierten dank der Hilfe der Polizei phantastisch, auch während des Aufbaus gab es kaum Probleme. Nur ein paar unbelehrbare, immer noch unwissende Vohwinkeler Autofahrer, hatten ihre Fahrzeuge über Nacht trotz warnender Aufkleber und Schilder auf der Flohmarktstrecke, die vom Kaiserplatz bis zur Grotenbeck reichte, stehen gelassen und mußten wohl oder übel nicht unerhebliche Abschleppgebühren bezahen. Aber .auch hier gilt das alte Sprichwort „Wer nicht hören und sehen will, muß zahlen“.
Auch 1977 schrieb man, wie könnte es anders sein: „Flohmarkt sprengte alle Rekorde“. Nachträglich lassen sich solche enthusiastischen Ausrufe natürlich leicht belächeln. Wer weiß, wie man in weiteren 10 Jahren über die bisher erreichten Superlative denken wird.
Obwohl dies schon in den Jahren vorher fast zu einem ungeschriebenen Gesetz wurde, kam 1977 ein weiterer Leitsatz „zu den organisatorischen Grundsätzen“, nämlich der, daß nur Mitgliedsvereine der AGVV (Arbeitsgemeinschaft Vohwinkeler Vereine) Stände betreiben dürfen, die mehr oder weniger für das leibliche Wohl sorgen, indem sie Würstchen, Bier und was es sonst noch alles gibt, verkaufen. Eine sehr wohl legitime Einrichtung, denn all diese knapp 50 Vereine beteiligen sich durch mannigfaltige Aufgaben an der Organisation des Flohmarktes.
1978: 200.000 Besucher - „11-Uhr-Korn und „Bruder“ Johannes

Der gerade zum Ministerpräsidenten gewählte Johannes Rau bei der Eröffung des Vohwinkeler Flohmarktes
Der Ordner, der sämtliche Unterlagen des 78er und damit 8. Flohmarktes, der am 23. und 24. September 1978 stattfand, enthält, war bereits immerhin 5 cm dicke.
Besonderer Gag dieses 8. Flohmarktes: Ministerpräsident Johannes Rau, der kurz vorher mit 11 Stimmen in dieses Amt gewählt worden war, eröffnete um 11 Uhr den Flohmarkt in dem Ortsteil mit der Ortskennzahl 11 und wurde von der Aktion V* mit einem „11-Uhr-Korn“ begrüßt. Mittlerweile ist dieser Schnaps schon zu einem „Standardgetränk“ für Flohmarktschirmherren geworden. Mit einer launigen „Flohrede“ und seiner sprichwörtlichen Bibelfestigkeit brachte Johannes Rau die Flohmarkt-Akteure in Stimmung und Schwung.
Das Ergebnis dieses Flohmarktes war die Tatsache, daß man die Traumgrenze von 200.000 Schaulustigen auf einer Strecke von 4,5 km Flohmarktständen erreichte. Die Schwebebahnen fuhren im Kurztakt, auch wenn die Stadtwerke das einige Jahre vorher nicht für nötig gehalten hatten, und man kann mit Fug und Recht behaupten, daß in Vohwinkel die „Flöhe“ los waren.
Vielleicht wichtig für alle Flohmarkthändler: Die Organisation wurde immer perfekter. Eine ganz besondere Bereicherung war dabei der Einsatz der Funker, die eine Totalbeschallung des Flohmarktes durchführten und damit nicht nur dem „Vater“ wieder zu seinem verlorenen Portemonnaie verhalfen, sondern auch „Klein-Rudi“ wieder mit der Mutti zusammenführten. Rund um Vohwinkel brach der Verkehr zwar nicht zusammen, aber es mangelte an Parkplätzen. Bis 14 Uhr an diesem wunderschönen, sonnigen Sonntag zählte man im Einzugsbereich 10.000 Fahrzeuge, und die Schwebebahn karrte im Vier-Minuten Takt 25.000 Menschen nach Vohwinkel. Aber wie schon angedeutet, die Organisation war perfekt, was letztendlich nur den vielen Helfern der Arbeitsgemeinschaft Vohwinkeler Vereine zu verdanken ist.
Nicht vergessen sollte man bei dem Lob auch die Bediensteten des städtischen Fuhrparks, die mit perfekter Präzision nach Beendigung des jeweiligen Flohmarktes um 18 Uhr innerhalb weniger Stunden die gesamte Trödelstrecke reinigen, den Müll fortschaffen, der leider immer noch liegen bleibt und dessen sich die Händler entledigen, die ihn: nicht verkaufen konnten, um dann am anderen Morgen die 4,5 km lange Strecke so erscheinen zu lassen, als ob nichts geschehen wäre.
1979: 250.000 Besucher - Baustellenmisere und die Flöhe hüpfen

Ein Team der städtischen Straßenreinigung nicht ganz ohne Stolz auf die erbrachte Leistung nach dem Flohmarkt
Ein großes Hindernis und fast den totalen Ausfall des 79er Flohmarktes hätte um ein Haar die fatale Baustellenmisere des oberen Teiles der Kaiserstraße und auch der unteren Kaiserstraße verursacht.
Noch im April 1979 schworen alle städtischen Ämter, daß Sie rechtzeitig zu dem am 22. und 23. September stattfindenden Flohmarkt fertig sein würden. Die Realität zeigte sich allerdings anders. Selbst zwei Tage vor dem Flohmarkt mußten in Blitz- bzw. Nacht- und Nebelaktionen Gerüste abgebaut, Löcher zugeschoben und Baugruben zugedeckt werden. Trotzdem - man fand eine Zwischenlösung und dehnte den Flohmarkt bis zur Grotenbecker Straße aus, nahm einige der Nebenstraßen mit dazu und hatte so eine Flohmarktstrecke von fast 5 km. Bevor es aber endlich soweit war, hatten sich Vohwinkeler Stadtverordnete und nicht zuletzt der Schirmherr Johannes Rau dafür verwenden müssen, daß, wie eine Zeitung schrieb, die „Rohre nicht den Flohmarkt blockierten“.
Und wie so oft bei Provisorien bzw. Veranstaltungen, bei denen die Organisatoren vorher eine Menge Schwierigkeiten zu überwinden haben, wurde dies „der Flohmarkt der Superlative“. Superlative in sofern, als 15.000 Fahrzeuge, hunderte von kg Bratwurst, mehrere tausend Liter Bier, schönstes Wetter, vor allem aber bereits 5.000 Besucher beim samstäglichen Vorflohmarkt die „Flöhe in Vohwinkel hüpfen ließen“. Fast schon symptomatisch für Vohwinkeler Flohmärkte ist der wahlstrategisch günstige Termin.
Auch in diesem Jahr, wenige Tage vor den Kommunalwahlen, ließ es sich Ministerpräsident Johannes Rau nicht nehmen, auf das „Erntedankfest“ anzuspielen, was von den anwesenden Politiken aus Stadt und Land mit wissendem Gelächter quittiert wurde. Zum ersten Mal gab es die Flohmarkt T-Shirts, die außer Johannes Rau, der ebenfalls Besitzer eines solchen T-Shirts ist, reißenden Absatz fanden.
Auch dies muß erwähnt werden: Das Kulturamt der Stadt Wuppertal unterstützte seit Jahren den Flohmarkt durch Musik- und Theatergruppen, die entweder die gesamte Flohmarktstrecke durchwandern oder aber auf dem zentralen Lienhardplatz auf einer dort installierten Bühne ihre Vorführungen machen. Seit 1979 dabei ist auch die Wuppertaler Musikgruppe „Strieckspöen“, eine Menge Straßenmusikanten und was sonst noch alles gibt.
Bereits 1979 hatte man durch geschickte Verteilung von vermieteten Ständen und Freiflächen für Kinder eine gute Mischung geschaffen. Zwischenzeitlich hatte sich der Vohwinkeler Flohmarkt bis nach Bonn rumgesprochen. Selbst Bundeskanzler Helmut Schmidt telegrafierte der Arbeitsgemeinschaft und beglückwünschte die Vohwinkeler zu solch einer gelungenen Veranstaltung.
Aber auch dieser Flohmarkt brachte in seiner Erfahrung Grundsätzliches, wie unter anderem das Rundschreiben an alle Flohmarkthändler, in dem unmißverständlich klargemacht wurde, wer „der Herr im Haus“ ist, (nämlich die Arbeitsgemeinschaft Vohwinkeler Vereine) und damit Hausrecht besitzt. Alle Standmieter wurden angewiesen, sich den Anordnungen der Ordner zu fügen. Ebenfalls unmißverständlich wurde darauf hingewiesen, daß kein Händler auf dem Flohmarkt Speisen und Getränke zum Verkauf anbieten darf und daß dies ausschließlich den Vereinen der Arbeitsgemeinschaft vorbehalten ist. Ebenfalls untersagt wurden Glücksspiele und nicht zu vergessen Parteienwerbung.

Ein gewohntes und immer wieder gerne gezeigtes Bild: die Schwebebahn über dem Vohwinkeler Flohmarkt
Auch Kurioses gab es zum 9. Flohmarkt. Eine Wuppertaler Tageszeitung äußerte sich besonders negativ über diese Veranstaltung der Superlative und innerhalb weniger Tage konnte dem Redakteur nachgewiesen werden, daß er den Flohmarkt überhaupt nicht besucht hatte und sich mehr oder weniger seinen Artikel „aus den Fingern gesogen hatte“. Aber dies, und das kann der Chronist an dieser Stelle mit Fug und Recht behaupten, war die Ausnahme, die die Regel bestätigt.
Alles in allem, der „Neunte“ brachte eine Viertelmillion Besucher und ließ hoffen, daß der „Zehnte“ alles bisher da gewesene übertreffen würde.
1980: 300.000 Besucher - Flohmarktzeitung, -teller und Schnäppkes
Was es 1980 an Interessantem gab, kann man ausführlich auf der ersten beiden Seiten der FZ lesen. Und damit wären wir, wenn auch nur kurz, in der Gegenwart.
Wieder etwas Neues hat sich die AGVV einfallen lassen, nämlich eine tagesaktuelle Flohmarktzeitung. Wenn man bedenkt, daß der Redaktionsschluß heute morgen um 11.30 Uhr war, das heißt, der letzte Bild- und Wortberichterstatter hat die Redaktionsräume im VEG-Zentrum um 12 Uhr betreten und diese Zeitung bereits um 16 Uhr den Flohmarktbesuchern vorliegt, dann ist das eine recht gute Leistung.
Der 10. Flohmarkt - eine Jubiläumsveranstaltung - hatte sechs Schirmherren, 5,5 km Flohmarktstrecke, wunderschönes Wetter - unterbrochen von einigen Regentropfen, von denen sich die Leute aber nicht abhalten ließen, trotzdem nach „Schnäppkes“ zu suchen und machte seinem 10. Geburtstag alle Ehre. Aber - wie schon gesagt - ausführliche FZ-Berichterstattung zum diesjährigen Flohmarkt siehe Seiten 1-3.